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Eine Familienradreise durch Südamerika

Lagunenroute - Uyuni - San Pedro de Atacama

"Diese Fahrt ist kein Picknick und das bolivianische Hochland ist nicht Disneyland....(? )
sie kann außerdem  nur in den Monaten Juli bis Oktober befahren werden,weil man sonst auf den bolivianischen Pisten versumpft, dann ist weder schieben noch tragen möglich ...Essensvorräte für 10 Tage und 1,5 - 2 Liter Brennstoff sind obligatorisch...Die Biwakausrüstung sollte bis -20 C ausgelegt sein"... (?)
So leitet unser Lateinamerika Bike Buch die Lagunenroute ein...
Komischerweise, war dieser Teil auch der einzige, dem ich noch vor unserer Reise, in Berlin ein bisschen Aufmerksamkeit schenkte. Zu diesem Zeitpunkt war für mich ganz klar: diese Route werden wir definitiv nicht fahren!

Aber mit der Zeit wächst man an seinen Aufgaben! Schließlich dachte ich auch am ersten Radtag, dass Ich es nicht mal aus Bogota schaffen werde...
Je näher wir an die bolivianische Grenze kamen, desto mehr wurde unter den Radlern von dieser Route gesprochen. Jeder kennt sie! Das sie gefahren wird, steht 50-50.
Anfangs berührte mich dass sehr wenig, denn für mich stand noch immer fest, diese Tour fahren wir nicht! In Cusco (Peru) sah ich auf einer Landkarte eine eingezeichnete Nebenstraße, die wohl an mehreren Seen vorbeiführt und was für mich noch wichtiger war - eine Abkürzung nach Chile ist!
Abkürzung klingt gut - wir fahren dort entlang!!!
Erst Tage später stolperte ich noch einmal auf die Beschreibung in unserem Buch, sah mir die eingezeichnete Tour in der Karte näher an und bemerkte:
Die Abkürzung ist die Lagunenroute! Torsten amüsierte sich über meine Planung. Denn schlussendlich fahren wir doch stets genau diese Strecken, die für ihn interessant sind - nur mit dem Unterschied, dass ich ihm nicht die Schuld geben kann, wenn es zu anstrengend ist ;)
Mit jedem Tag festigte sich der Gedanke, die Lagunenroute zu fahren, mehr und mehr.
Bis wir uns in der Salar de Coipasa dazu entschieden! Jetzt wollen wir es wissen...

Noch einmal rennen wir über Uyuni' s Märkte...


...kaufen Essensvorräte für 10 Tage...


...und bringen einen Stapel Postkarten zur Post.


Dann geht es los....

1. Tag - 85km - 225hm - Schnitt: 15,8 km/h
Der heutige Tag meinte es noch gut mit uns. Die Strecke ab Uyuni war flach, langweilig; der Dreck fest und gut fahrbar. Nach über 80 km schlugen wir unser Camp auf und schliefen bald zufrieden, über den heutigen Schnitt, ein.

Breakfast with Tiffany

2. Tag - 69 km - 441hm - Schnitt:12,8 km/h
Die Landschaft ändert sich allmählich. Berge erheben sich, die Erde leuchtet rot und von Weitem erblickten wir immer wieder kleine weiße Salzflächen.
Inmitten des staubtrockenen Altiplanos, wurde die Piste auf Grund einer Baustelle, nass, matschig und unfahrbar. Die Räder sumpften teilweise, bis zur Kette tief ein.


Nachdem die Räder 'entmatscht' wurden, setzte der Wind ein. Mit jeder Minute wurde er stärker. Er blies uns direkt ins Gesicht, bis er uns beinahe auf 5 km/h runterbremste.
Ist das die Vorbereitung auf die Lagunenroute???
Noch einmal genießen wir in dem kleinen verschlafenen Städtchen 'Alota', ein Bett und die bolivianische Gastfreundschaft.



3. Tag - 42 km - 826 hm - Schnitt: 7,6 km/h
Zwei weitere Bewohner des Hosta, boten uns an, uns ein Stückchen auf ihrem Pick - up mitzunehmen. Aber da die Piste bisher so gut zu fahren war und für den heutigen Tag 'nur' 60 km anstanden, lehnten wir dankend ab.
Gleich nach  Alota ging die Straße stetig bergauf und führte durch die 'Valles de Rocas'. Eine  Landschaft, welche an die bereits gefahrene Strecke zwischen Curahuara de Carangas und Turco erinnerte.

Der leichte Anstieg ließ genug Zeit zum fantasieren...
...der Hase und das Kamel sind aber eindeutig; )...
Nach 30 km bogen wir links, in Richtung zur ersten Lagune ab. Abkürzung!!


Das die Piste der Abkürzung miserabel wird und noch über einen zusätzlichen Pass von über  4700 müNN führt, hätten wir uns ja eigentlich denken können... Ach und natürlich der Wind! Auch der darf hier nicht fehlen...
Nach kaum 5 km standen wir bereits neben unseren Gefährten und schoben sie über die felsige Piste, dem Wind entgegen, den Berg hinauf. ..


20 Kilometer vor unserem Ziel, stellten wir unser Zelt auf. Der Untergrund war ungünstig - abschüssig und sandig - kein Hering hat ohne einen beschwerenden Stein gehalten. Aber nach so einem Tag war uns das egal und die Aussicht war fantastisch!


4. Tag - 22 km - 116 hm - Schnitt: 7,5 km/h
Den halben Tag verbrachten wir damit, uns und unsere Räder die restlichen 20km  zur Laguna Hedionda zu bewegen.
Das was wir hier machten, könnte man Bikeaneering, Bikesteigen, oder Bikehiking nennen. Alles - nur nicht Radfahren!
Zur abwechselnden Freude, wurde die felsige Piste von einem eisig kaltem, teils noch gefrorenen Fluss unterbrochen. Torsten tauschte seine geliebten Wollsocken gegen seine unentbehrlich - wasserdichten Socken aus und schob die Räder auf die andere Seite.


Danach wurde die Piste nochmal richtig steil und steinig.
Ganz  knapp bevor ich die Krise bekam  und mein Mund sich schon zum meckern öffnete, erblickte ich in den erdigen Tönen einen kleinen grünlichen Farbklecks. Die Neugier erbrachte neue Kraft hervor; die Räder holperten über den Berg, um die Kurve und schon lag sie in ihrer wundervollen  Pracht vor uns - die erste Lagune - Laguna Hedionda!



Noch als wir die Flamingos beobachteten und Jamun eifrig eine Feder für seinen kleinen Cousin  suchte, kamen weitere Radler an. Wolfi und Sabrina - die zwei Österreicher, welche wir in Cusco bereits kennenlernten. Später holten uns Scott und Sue und ein Paar aus Frankreich ein. Ein Radler- Treff der großen Freude!
Zusammen nächtigten wir in einem leerstehenden Raum neben dem Restaurant, dessen Besitzerin uns auf eine Suppe und zum Frühstück einlud.

5. Tag - 32 km - 630 hm - Schnitt: 6 km/h
Auch wir versuchten, wie die anderen,  früh auf dem Rad zu sitzen. Doch trotz allen Bemühungen schafften wir es erst zu 7:00 Uhr. Es war immer noch bitterkalt und zu früh für Jamun. Wir wickelten ihn einen Poncho und packten ihn in den Hänger. Kurz darauf schlief er zufrieden ein...
Die ersten 10 km, vorbei an 3 weiteren Lagunen, waren fahrbar.
Später verwandelte sich die Piste in ein endlos sandiges Waschbrett. Jamun erwachte von dem Gewackel und stieg freiwillig aus dem Hänger aus.
Bald wurde der Weg für uns nicht mehr fahrbar und zwang uns zu schieben...
Die vorbei rasenden Jeeps, bremsten meistens für ein  Foto, so dass wir das Gefühl hatten, wir wären die wilden Tiere auf einer Safari-Tour. Manchmal aber, hielten sie auch, um uns Wasser, Früchte und Snacks zu schenken. Von einem Fahrer bekam Jamun eine ganze Tüte Lollis geschenkt...


Am Ende des Tages hatten wir soviel Wasser bei uns, dass wir nicht einmal die nächste Wasser-Auffüll-Station anfahren mussten... Da soll, mal einer sagen, es wäre schwer mit Kind zu reisen...

6. Tag - 34 km - 270 hm - Schnitt: 6,8 km/h
Die Nacht war bitterkalt, bis zu -10 c im Zelt.
Während der Zeit, als Torsten die Eiswürfel zu warmem  Teewasser  kochte, spielte Jamun mit seinen sichtbarem Atem, Drachen im Zelt.
Erst nach dem die Sonne uns vollständig erreichte, krochen wir aus dem Zelt und begannen unseren Tag.
Auf diesem Teil der Route mussten wir selbst bergab, wegen dem tiefen Sand und bis zu 30 cm tiefem Waschbrett, schieben.


Bei unserer Mittagspause entdeckten wir einige Viscachas, wilde - Hasen ähnliche Nagetiere und bekamen,  von einem ebenfalls pausierendem Jeep, Wasser und frisches Obst geschenkt.


Nach der Pause, konnten wir glücklicherweise das meiste fahren und erreichten tatsächlich noch kurz vor Sonnenuntergang unser Ziel.
Arbol de Piedra - ein Ort mit skurrilen Felsformationen, die Windschutz bieten. Nicht nur wir fanden dies ein  perfekter Ort zum nächtigen - hier trafen wir wieder auf Scott und Sue, oder wie Jamun die beiden nennt:  Scue!

7. Tag - 17 km - 78 hm - Schnitt: 6 km/ h
Noch bevor wir mit dem Frühstück fertig waren und das Camp abgebaut hatten, kamen schon die ersten Jeeps angerauscht. Die Insassen schauten uns mindestens genauso verwundert an, wie die skurrilen Felsen inmitten der Wüste.


Heute verbrachten wir wieder hauptsächlich mit schieben. Am meisten frustrierten uns die letzten Kilometer zur  Laguna Colorada - bergab und zusätzlich Rückenwind - eigentlich die besten Bedingungen und trotzdem mussten wir wegen dem tiefen Sand schieben!
Immerhin, entschädigte der Blick auf die erstaunlich rotleuchtende Lagune, alle Mühe...


Und zur Bereicherung, stellten wir schon mittags unsere Räder zur Seite; blieben in einem Refugio, gönnten uns ein paar Bier, spielten Spiele und ließen uns bekochen...

8. Tag - 22 km - 454 hm - Schnitt: 5,8 km/h
Entlang der Laguna konnten wir zuerst erstaunliche 16 Kilometer, bis zum Vormittag, radeln. Dann setzte wieder der stetige Begleiter - der Wind ein.
Und natürlich mit ihm, der Anstieg zum Pass 'Sol de mañana'!
Der Wind blies uns so heftig ins Gesicht, dass ich die meiste Zeit damit verbrachte, mein Rad dagegen zu stämmen und vorwärts zu bewegen versuchte. Torsten und Scott wechselten sich gegenseitig ab, mir hin und wieder ein Stück das Rad abzunehmen. Gegen 15 Uhr waren wir alle bereits so erledigt, dass wir die passende Chance des windgeschützten Schlafplatzes annahmen.
Ein herrlicher Platz mit einem wunderbaren Ausblick, an dem nur noch ein Bier fehlte. Dem Gedanken folgte ein Jeep in unsere Richtung, in welchem  unglaublicherweise eine Australierin drinnen saß, die uns schon 3 mal auf der Reise begegnete. Lachend schenkte sie uns ein paar Bier. Der Fahrer legte noch ein paar Lollis, Kekse und Müsli bei...


So schön der Sonnenuntergang, so kalt die Nacht! Hier oben nutzten wir zum ersten mal alles, was unsere Taschen so zu bieten hatten. Zum Glück hat unser Sohnemann wenigstens immer eine bewährte Nachthitze!

9. Tag -  40 km - 526 hm - Schnitt: 8,5 km/h
Am  morgen kämpften wir uns gegen den Wind, über den - für uns höchsten Pass auf 4950 müNN, runter zum Geysirfeld. Eines der größten Abenteuer für Jamun!


Die Anstrengung wurde am Abend in der heißen Quelle, der Laguna Chalviri belohnt!


10. Tag - 45km - 497 hm - Schnitt: 9,5 km/h
An der 'Desierto de Dalí', welche ihrem Namen wirklich alle Ehre macht,  radelten wir über einen weiteren Pass von über 4750 müNN, zu den beiden letzten Lagunen - Laguna Blanca und Verde.
Die Euphorie, dass wir bald eine der härtesten Routen in Südamerika, geschafft hatten, milderte die Anstrengung, den Wind, Sand und Waschbrett.


...?...Naja, zumindest im Nachhinein....
Aber definitiv gehörte dieser Tag zu den Schönsten!
Nach dem Pass strahlten die Berge in allen vorstellbaren rot-orange Tönen; Wilde Vicuñas rannten über den Weg...


mächtig erhob sich der Vulkan Licancabur, dessen ausgespuckte Lavabrocken ihm zu Füßen lagen...


Langsam erspähten wir die letzte Lagune...


Erschöpft, geruhsam und zufrieden, verbrachten wir die letzte Nacht auf bolivianischem Boden, in einem Refugio. Selbst Jamun  spielte total entspannt und zufrieden mit einem Mädchen ein Kartenspiel und dabei war es ihm völlig egal, wie das Spiel eigentlich funktionierte, noch ob er gewann...


11. Tag - 60km - 494 hm - Schnitt: 13,7 km/h
Nicht einmal am  letzten Tag der Lagunenroute, hörte der Wind, wie normalerweise jeden Tag,  zwischen 7:00 und 9:00 Ihr morgens auf zu toben.
Wir kämpften und schoben gegen den Wind zur Grenze.

Hier wird nicht zu Allah gebetet ;)  Hier wird Pachamama geküsst! We Made it!!!
In einem kleinen Häuschen holten wir uns den Ausreisestempel ab. Hier ist die Ausreise für Radfahrer kostenlos! Oder wahrscheinlich hat sich der Zollbeamte, nicht mehr getraut, uns nach dieser Strecke die 15 BOB noch abzuknüpfen.
Wie auch immer...Noch schnell ein Foto auf der chilenischen Seite...


...nochmal weitere 5 km bergauf, über einen Pass und dann standen wir endlich vor der 42 Kilometer langen Abfahrt!!!

Aber wer hatte schon geahnt, dass nicht einmal diese uns geschenkt werden???
Auf der letzte Hälfte brauchte unser Freund der Wind nochmal so richtig viel Aufmerksamkeit und blies uns so heftig entgegen, dass wir ca. 1000 Höhenmeter im 3. Gang durch Sandgewirbel, nach unten treten durften...

Resume  der Lagunenroute:
Wir sind eingestiegen mit dem Gedanken, der Tour ein bisschen den Wind aus den Segeln nehmen zu können.... was für eine Ironie!
Die Tour ist kontinuierlich schwer zu fahren, und durch die Höhe und Wetterverhältnisse  körperlich und mental eine Herausforderung.
Sand,Waschbrett, und Steine sind die Charaktere der knapp 500 km langen Strecke.
Landschaftlich mit das schönste was der Süden des Altiplano zu bieten hat.
Sie ist definitiv jeden vergossenen Schweißtropfen Wert!!!



Kommentare:

  1. Wow, Respekt!
    Ich hab die Tour vor 2 Jahren mit einem Jeep gefahren und fand laufen auf dieser Höhe schon anstrengend
    Wünsche euch weiterhin eine gute Reise!

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  2. Wiedermal ein richtig guter Bericht. Und die Bilder erst. Wünschen euch alles gute und hoffen das es weiter so gut läuft für euch.
    Gruß Jessy und Phill

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  3. Einfach nur super. Das macht richtig Spass zu lesen -wow-. Spätestens jetzt bin ich auch der Meinung du musst unbedingt ein Buch schreiben Ribi. Ich war grad leicht traurig, dass der Bericht schon zu Ende war. Eure Abenteuer sind einfach so unterhaltsam und kaum zu glauben, dass ihr alles selbst radelt und auch Angebote per Anhalter ausschlägt. Wir denken fest an euch
    Hans, Julia und Ezekiel

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  4. Hallo Ihr 3!
    Immer wenn ich die Parkstraße in Weißensee langfahre, muss ich an Euch denken. Und endlich lese ich mal wieder Eure Reiseberichte. Das ist ja der totale Wahnsinn! Riesen Respekt vor der Leistung und dem Willen, trotz der ganzen Plackerei mit Wind und Sand und Wellenpisten und Schieben. Ich kenne das von einem ganz kurzen Trip mit dem Rad in den Anden, nur vier Tage, aber Ihr habt ja noch soviel Gepäck. Irre, dass Ihr über die Salare gefahren seid und die Lagunenroute (die kenne ich auch nur vom Jeep aus). Und danke für die tollen tollen Berichte und die umwerfenden Fotos!!! Ich wünsche Euch noch eine schöne Weiterfahrt! Was sind die nächsten Stationen? So, jetz muss ich erstmal alles lesen, was ich verpasst habe...

    rob, ex-cikagobude

    P.S.: Eure Postkarte an die bude ist auch angekommen. Danke :]

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